Gefährdungs- und Schwachstellenanalyse im modernen Personenschutz

Veröffentlicht am 2. März 2025 um 10:32

Fachbeitrag: Gefährdungs- und Schwachstellenanalyse im modernen Personenschutz

Von Dennis Ellrich, Atlas Solutions Protection and Training GmbH

 

Warum Prävention den Unterschied macht

Personenschutz ist weit mehr als die physische Präsenz eines Schutzteams. Der wahre Wert eines guten Personenschützers liegt nicht in seiner Fähigkeit zu reagieren, sondern in seiner Fähigkeit, Bedrohungen zu erkennen, bevor sie real werden. Die Gefährdungs- und Schwachstellenanalyse (GSA) ist dabei das wichtigste Werkzeug – eine methodische Analyse, die auf strukturierten Fragen, Erfahrungswerten und präventiven Maßnahmen basiert.

 

Ich habe in über 21 Jahren in der Sicherheitsbranche, sowohl im behördlichen als auch im privaten Sektor, zahlreiche Sicherheitskonzepte für hochkarätige Schutzpersonen entwickelt. Dabei habe ich gelernt, dass keine Bedrohung aus dem Nichts entsteht – es gibt immer Muster, Vorzeichen und vor allem: Lücken.

In diesem Beitrag zeige ich, wie eine professionelle GSA durchgeführt wird und welche Fehler es zu vermeiden gilt.

 

Grundlagen der Gefährdungsanalyse: Welche Bedrohung liegt vor?

Eine fundierte GSA beginnt mit einer einfachen, aber essenziellen Frage: Was ist die tatsächliche Bedrohung?

Dabei unterscheiden wir zwischen:

  • Direkter Gefährdung (z. B. Morddrohung, Stalker, Entführungsgefahr)
  • Indirekter Gefährdung (z. B. politisches Umfeld, soziale oder wirtschaftliche Angriffsflächen, Medienpräsenz der Schutzperson)
  • Situativer Gefährdung (z. B. besondere Veranstaltungen, Aufenthalte in Krisengebieten, exponierte öffentliche Auftritte)

 

Ein erfahrener Personenschützer wird hier bereits Muster erkennen und die ersten Szenarien ableiten. Doch was viele unterschätzen: Die eigentliche Gefahr liegt oft nicht in den offensichtlichen Bedrohungen, sondern in den unbeachteten Details.

 

Schwachstellenanalyse: Wo sind die Lücken?

Hier kommt der entscheidende Unterschied zwischen Amateuren und Profis:

Viele Sicherheitsanalysen betrachten nur offensichtliche Risikofaktoren – Wohnorte, Tagesabläufe oder physische Sicherheitseinrichtungen. Doch die wirklichen Schwachstellen liegen tiefer:

 

✅ Soziales Umfeld: Gibt es gefährliche Bekanntschaften oder unkontrollierte Kontaktpersonen?

✅ Digitale Angriffsflächen: Social-Media-Aktivitäten, GPS-Tracking, Datenlecks in Firmen- oder Privathandys.

✅ Psychologische Faktoren: Wie vorhersehbar handelt die Schutzperson? Gibt es emotionale Schwachpunkte, die Angreifer nutzen könnten?

✅ Interne Sicherheitslücken: Gibt es Insider-Bedrohungen im persönlichen oder geschäftlichen Umfeld?

 

Das Zusammenspiel dieser Punkte entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg eines Sicherheitskonzepts.

 

Praxisbeispiel: Die unterschätzte Bedrohung im Finanzsektor

Ein Klient aus dem erhielt keine direkten Morddrohungen, aber sein Unternehmen stand unter massivem Druck von Konkurrenten und geopolitischen Interessen. Das Schutzkonzept des bisherigen Teams konzentrierte sich auf klassische Maßnahmen – gepanzerte Fahrzeuge, Bewaffnung, Wohnobjektsicherung.

 

Doch die eigentliche Schwachstelle lag woanders:

Die Schutzperson postete regelmäßig Geschäftsreisen auf LinkedIn, ihre Kinder besuchten eine internationale Schule mit freiem Zugang für Besucher. Keiner hatte das Risiko eines gezielten Kidnapping for Ransom (KFR) bedacht. Durch eine tiefgehende Schwachstellenanalyse haben wir:

 

Sofort alle offenen digitalen Angriffspunkte geschlossen

Das Social-Media-Verhalten des Klienten strategisch angepasst

Ein verdecktes Überwachungssystem für die Schulumgebung implementiert

Die Sicherheitsmaßnahmen auf Reisen an unauffällige, aber effektive Begleitszenarien angepasst

Die Lektion daraus: Sicherheit beginnt nicht bei der Pistole am Gürtel, sondern bei der unsichtbaren Bedrohungserkennung.

 

Die Rolle des Personenschützers: Prävention als Kernkompetenz

Ein exzellenter Personenschützer ist nicht der mit den besten Schussfertigkeiten – es ist derjenige, der eine Bedrohung neutralisiert, bevor sie real wird.

 

Dazu gehört:

⚡ Proaktive Informationsgewinnung (OSINT, HUMINT, Social Engineering)

⚡ Taktische Analysefähigkeiten (Was ist wahrscheinlich, was ist möglich, was ist unwahrscheinlich?)

⚡ Psychologisches Verständnis (Angreiferprofile, Verhaltensmuster, Schwachstellen von Gegnern)

⚡ Dynamische Anpassung der Schutzmaßnahmen (weil kein Plan den ersten Feindkontakt überlebt)

 

Personenschutz ist kein statisches Konzept – es ist ein fortlaufender Entscheidungsprozess. Und dieser beginnt immer mit der richtigen GSA.

 

Wer blind verteidigt, hat schon verloren

Viele im Sicherheitssektor reden von „harter Präsenz“. Doch wahre Sicherheit entsteht durch vorausschauendes Denken.

Das Prinzip ist einfach: Wer die Gefahren kennt, muss sie nicht mehr bekämpfen – er eliminiert sie vorher.

Deshalb ist die Gefährdungs- und Schwachstellenanalyse das wichtigste Werkzeug in jedem professionellen Sicherheitskonzept. Wer in diesem Bereich stark analysiert und antizipiert, wird seine Schutzperson mit einer ganz anderen Qualität sichern als jemand, der nur reagiert.

Für alle erfahrenen Personenschützer da draußen: Wie gut ist eure Gefährdungsanalyse wirklich?

 

Über den Autor

Dennis Ellrich ist Gründer und Geschäftsführer der Atlas Solutions Protection and Training GmbH. Mit über 21 Jahren Erfahrung im behördlichen und privaten Sicherheitssektor hat er zahlreiche hochrangige Schutzkonzepte entwickelt und operativ umgesetzt. Neben seiner Tätigkeit als Personenschützer bildet er Sicherheitskräfte international aus und ist bekannt für seine praxisnahen Schulungen im Bereich Objektschutz, Personenschutz und Krisenmanagement.

 

Mehr über sein Unternehmen und professionelle Schulungen im Bereich Sicherheit findet ihr unter:

➡ www.atlas-community.eu

 

Euer Dennis

 

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